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21. November 2009
 

Volle Kanne

 
Mo-Fr, 9.05 Uhr
Gewaltfotos per MMS. Quelle: ZDF
Gewaltvideo auf einem Handy (nachgestellte Szene)

'Happy Slapping' auf dem Handy

Die Verbreitung von Gewaltvideos ist strafbar

Über 90 Prozent der Jugendlichen besitzen ein Handy. Das ist einerseits praktisch, da sie so für ihre Eltern immer erreichbar sind. Problematisch kann es werden, wenn sich die Kinder Gewaltvideos oder pornographisches Material auf ihr Handy laden und sich damit strafbar machen.

 
 
 
 

Der Reiz, verbotenes Material auf dem eigenen Mobiltelefon zu besitzen, scheint bei Jugendlichen größer als je zuvor. Auf dem Schulhof werden die Videos per Bluetooth, MMS oder Infrarotschnittstelle getauscht. Wer die krassesten Bilder hat, genießt unter seinen Kameraden bedauerlicherweise das größte Ansehen.

 

Fündig werden die meisten Youngsters im Internet, doch ein Trend geht zur Eigenproduktion: Einige Schüler gehen so weit, dass sie die brutalen Filme selbst inszenieren und spontane Gewaltaktionen gegen Mitschüler oder sexuelle Übergriffe auf Mitschülerinnen abfilmen.

Schüler prügeln sich. Quelle: dpa
dpa
Gewalttätigkeiten zwischen Schülern werden abgefilmt.

Erniedrigungen erwünscht

"'Happy Slapping' - also 'fröhliches Schlagen' nennt sich dieser Trend, der vor etwa drei Jahren aus England zu uns herüber geschwappt ist", erklärt Kommissar Hans Hülsbeck von der Kriminalpolizei Köln. Hinter dem Reiz, extreme Gewaltdarstellungen und die damit verbundenen Aggressionen und Ängste der Opfer anzusehen und im Freundeskreis zu tauschen, steckt vor allem ein psychologisches Phänomen.

"Allein mit den Prügeleien wird schon Stärke demonstriert. Mit der Verbreitung der Filmaufnahmen kommt eine weitere Dimension hinzu, denn das Opfer wird durch die Bloßstellung erniedrigt." Die Auswirkung auf die Psyche der Opfer kommt oft einer öffentlichen Hinrichtung gleich. Dieses Leid gibt den Tätern den nötigen Kick und bekräftigt sie, die Filme weiterhin zu tauschen und sogar noch extremere Videos aufzuspüren.

 

Technisch kein Problem

Die technischen Möglichkeiten moderner Geräte machen es den Jugendlichen besonders leicht: Es ist kein Problem mehr, Gewaltszenen mit dem Handy zu dokumentieren oder sich die Filme aus dem Internet herunterzuladen. "Dieser Weg wird am häufigsten genutzt. Ein Schüler stellt das Video auf einer Internetseite online und gibt seinen Mitschülern Bescheid. Die können sich den Film dann herunterladen. Kurze Zeit später wird der Film von der Seite genommen und befindet sich dann auf den Mobiltelefonen vieler Mitschüler", so der Kommissar.

 

Das Phänomen des 'Happy Slapping' sei zwar noch nicht an der Tagesordnung, allerdings sei die allgemeine Entwicklung hin zu weniger Sensibilität gegenüber Gewalt unter Jugendlichen erkennbar, so Hülsbeck. Deshalb setzt die Polizei verstärkt auf Aufklärung in diesem Bereich. "Viele verlieren bei regelmäßigem Konsum gänzlich das Vermögen, sich in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen und stumpfen zunehmend ab. Die Inhalte können auf jeden Fall zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft führen", so die Einschätzung des Experten.

Mobilfunk - Typical. Quelle: O2
O2
Die Verbreitung des gewaltlastigen Materials ist strafbar.

Verbreitung ist eine Straftat

Den Jugendlichen drohen neben Schulsuspendierungen sogar Strafverfahren wegen der Verbreitung verbotener pornografischer und gewaltverherrlichender Inhalte. "Jeder ab 14 Jahren, der wissentlich solche Darstellungen anderen Minderjährigen zugänglich macht, begeht eine Straftat", so der Kommissar. Auch die Tat an sich kann strafbar sein, etwa wenn es sich um Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung oder auch Beleidigung handelt.

Die meisten Eltern wissen nicht einmal, dass ihre Kinder diese Filme besitzen und an Freunde weitergeben. Ebenso sind sich nur wenige Lehrer der Problematik bewusst. Hülsbeck: "Im Zweifelsfall können auch Eltern oder Aufsichtspersonen für die Taten der Schüler belangt werden, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzen."

 

Infobox

Zusammenarbeit ist wichtig

Vor allem in dieser Problematik ist es von Vorteil, wenn Lehrer und Eltern zusammenarbeiten: Für beide Parteien ist es hilfreich zu wissen, welche Thematiken gerade für Gesprächsstoff innerhalb der jugendlichen Cliquen sorgen. Erwachsene sollten sich mit den Funktionen moderner Handys vertraut machen, um problematische Situationen besser einschätzen zu können. Kindern und Jugendlichen müsste noch stärker der verantwortungsvolle Medienumgang beigebracht und andere Möglichkeiten der Handynutzung gezeigt werden. Die Polizei bietet zum Beispiel die Möglichkeit, Infoveranstaltungen in der Schule zu organisieren.

 

Keine totale Kontrolle

Lösen kann das Problem, dass die Videos überhaupt in Umlauf gebracht werden, nach Expertenmeinung auch ein komplettes Handyverbot an der Schule nicht, wie es etwa in Bayern praktiziert wird: "Damit wird zwar eine Art geschützter Raum geschaffen, der einen relativ reibungslosen Unterrichtsablauf während der Schulzeit garantiert. Die Freizeit der Jugendlichen wird dadurch aber nicht berührt", so Hülsbeck. Effektiver sei die Prävention in Form von Aufklärung, die bei den Kindern zu einer Änderung der Einstellung zu Gewaltakten führen kann.

 

Eltern sollten aber nicht einfach die Handys ihrer Kinder nach verdächtigem Material durchforsten, sondern zunächst das Gespräch suchen. "Das Handy der Kinder fällt eindeutig in deren Privatsphäre, die Eltern respektieren sollten", so der Kommissar. "Sprechen Sie stattdessen Ihr Kind auf die Problematik an und fragen es, ob es solche Filme besitzt. Klären Sie es über die Konsequenzen auf und bitten Sie es, die Filme zu löschen." Selbstverständlich geht dies am besten, wenn ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind besteht. Besprechen Sie sich auf jeden Fall mit anderen Eltern und auch mit den Lehrern.